Donnerstag, 12. April 2012

Müdigkeitsgesellschaft

Der Mensch von heute ist müde, erschöpft von all den Ansprüchen von innen und außen und den Informationen, die ständig auf ihn einstürmen. Doch vielleicht brauchen wir gerade Müdigkeit, eine „heilende Müdigkeit“, um der Leistungsgesellschaft etwas entgegenzusetzen, um innezuhalten und wieder Frei-Räume zu schaffen. Das ist die Idee, die der koreanische Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch Müdigkeitsgesellschaft erprobt. Die Leistungsgesellschaft von heute arbeite nicht mehr mit Strafen. „An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation.“ Ich denke an die vielen FreiberuflerInnen, die ich kenne, die JournalistInnen, die DozentInnnen, die DesignerInnen, (die sog. Kreativwirtschaft), die unglaublich begeistert und motiviert für wenig Geld oder auch teilweise umsonst arbeiten, immer mit dem Anspruch sich über ihre Arbeit selbst zu verwirklichen. „Der Exzess der Arbeit und Leistung verschärft sich zu einer Selbstausbeutung. Diese ist effizienter als die Fremdausbeutung, denn sie geht mit dem Gefühl der Freiheit einher. Der Ausbeutende ist gleichzeitig der Ausgebeutete.“ Der Einzelne kämpft nicht mehr gegen einen äußeren Feind, sondern liegt mit sich selbst im Krieg. Wer nicht mithalten kann, gibt sich selbst die Schuld. Während die frühere Disziplinargesellschaft Verrückte und Verbrecher erzeugt habe, so Han, bringe die heutige Leistungsgesellschaft Depressive und Versager hervor.

Byung-Chul Han (2011): Müdigkeitsgesellschaft, Berlin: Matthes & Seitz

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